Ein Website-Relaunch ist wie ein Umzug: Alles wird schöner – aber wehe, die Post kommt am neuen Ort nicht an. Wir haben Unternehmen gesehen, die nach einem optisch gelungenen Relaunch zwei Drittel ihres organischen Traffics verloren haben. Nicht wegen des Designs, sondern wegen einer Aufgabe, die im Projektplan schlicht fehlte: der sauberen Übergabe der alten URLs an die neuen.
Diese Checkliste fasst zusammen, wie ein Relaunch abläuft, der Rankings mitnimmt statt sie zu verbrennen – aus der Praxis von Projekten, bei denen wir genau dafür verantwortlich waren.
Warum Relaunches Rankings kosten
Google bewertet URLs, nicht Unternehmen. Jede alte Adresse hat sich über Jahre Signale aufgebaut: Links, Nutzerdaten, thematische Einordnung. Ändert der Relaunch die URL-Struktur – und das tut fast jeder –, zeigen diese Signale ins Leere. Ohne Weiterleitungen beginnt die neue Website bei null, mit dem zusätzlichen Malus Tausender 404-Fehler.
- URL-Änderungen ohne 301-Weiterleitungen – der mit Abstand häufigste und teuerste Fehler.
- Inhalte, die beim Umzug verschwinden: „Die alte Ratgeber-Sektion nehmen wir nicht mit” – und mit ihr gehen die Rankings, die sie hielt.
- Vergessene Details: Meta-Angaben, Alt-Texte, strukturierte Daten, die im alten System gepflegt waren und im neuen leer bleiben.
- Der Klassiker: Die Testumgebung geht mit
noindexlive – oder umgekehrt: die Testumgebung wird indexiert und konkurriert mit der echten Website.
Die Relaunch-Checkliste in fünf Phasen
Phase 1 – Inventur (vor dem ersten Entwurf)
- Alle indexierten URLs erfassen (Search Console, Crawler, Server-Logs) – auch die vergessenen.
- Rankings und Klicks je URL dokumentieren: Was muss die neue Website halten?
- Backlinks je URL erheben: Extern verlinkte Seiten haben beim Umzug Vorrang.
- Inhalte bewerten: Was wird übernommen, was zusammengelegt, was bewusst aufgegeben?
Phase 2 – Struktur und Mapping
- Neue Seitenstruktur gegen die Keyword-Recherche prüfen – nicht nur gegen das Organigramm.
- Weiterleitungstabelle anlegen: jede alte URL → genau eine neue, thematisch passende URL. Pauschal-Weiterleitungen auf die Startseite zählen für Google als Soft-404.
- URLs, die bleiben können, bleiben: Jede vermiedene Änderung ist ein vermiedenes Risiko.
Phase 3 – Umsetzung
- Meta-Titel, Beschreibungen, Alt-Texte und strukturierte Daten migrieren statt neu erfinden.
- Interne Links auf die neuen Ziele umstellen – nicht über Weiterleitungsketten laufen lassen.
- Testumgebung konsequent vor Indexierung schützen (Passwort, nicht nur robots.txt).
Phase 4 – Livegang
- 301-Weiterleitungen aktivieren und stichprobenartig testen, bevor irgendjemand feiert.
noindexentfernen, XML-Sitemap aktualisieren und in der Search Console einreichen.- Ladezeiten und mobile Darstellung auf den wichtigsten Vorlagen prüfen.
Phase 5 – Nachsorge (4–8 Wochen)
- Search Console täglich auf 404-Fehler und Abdeckungsprobleme prüfen; nachgemeldete Alt-URLs nachziehen.
- Rankings der Kernbegriffe beobachten: Schwankungen von einigen Wochen sind normal, ein Absturz ohne Erholung nicht.
- Weiterleitungen mindestens ein Jahr in Betrieb lassen – besser dauerhaft.
Aus einem echten Projekt: Bei einer Domain-Zusammenlegung haben wir vorab jede einzelne Alt-URL kartiert und thematisch weitergeleitet – inklusive der Unterseiten, die „niemand mehr braucht”. Ergebnis: Die Rankings der alten Domain waren nach wenigen Wochen auf der neuen angekommen, statt zu verschwinden. Der Unterschied war kein Geheimwissen, sondern eine Tabelle mit 300 Zeilen.
So sieht ein Weiterleitungs-Mapping konkret aus
Das Herzstück der Rankingsicherung ist unspektakulär: eine Tabelle. Jede alte URL bekommt genau ein neues, thematisch passendes Ziel. Ein Ausschnitt, wie so etwas in einem echten Projekt aussieht:
| Alte URL | Neue URL | Regel dahinter |
|---|---|---|
| /leistungen.html | /leistungen/ | gleiches Thema, neue Struktur |
| /leistungen.html#webdesign | /leistung/webdesign/ | Sprungmarke wird eigene Seite |
| /blog/2019/03/relaunch-tipps | /website-relaunch-checkliste/ | alter Beitrag → aktueller Nachfolger |
| /team/max-mustermann.html | /ueber-uns/ | Detailseite entfällt → nächsthöhere Ebene |
| /aktion-sommer-2022 | 410 (gone) | bewusst beendete Inhalte ehrlich beenden |
| /kontakt.php?ref=footer | /kontakt/ | Parameter-Varianten bündeln |
Zwei Details entscheiden über die Qualität: Priorisierung (URLs mit Rankings oder externen Links zuerst und von Hand, der Long Tail nach Mustern) und Ketten vermeiden – alt → neu in einem Schritt, nicht über Zwischenstationen, die bei jedem Hop Signalstärke kosten.
Die zehn Relaunch-Todsünden
- Livegang ohne Weiterleitungstabelle („machen wir nächste Woche”).
- Alles auf die Startseite umleiten – Google wertet das als Soft-404.
- Die Testumgebung wird mitindexiert und konkurriert mit der Live-Site.
- Das
noindexder Testumgebung geht mit live – die Website verschwindet. - Ratgeber-Inhalte werden „entrümpelt”, die still die Hälfte der Rankings hielten.
- Meta-Titel und -Beschreibungen bleiben im neuen System leer.
- Bilder wechseln die URLs, niemand leitet sie weiter – die Bildersuche bricht weg.
- Interne Links zeigen weiter auf alte URLs und laufen durch Redirect-Ketten.
- Der Livegang passiert Freitagnachmittag – Fehler reifen übers Wochenende.
- Nach dem Livegang schaut vier Wochen niemand in die Search Console.
Monitoring nach dem Livegang: worauf Sie wirklich schauen
- Search Console → Indexierung → Seiten: „Nicht gefunden (404)” muss nach der ersten Woche sinken. Jede dort auftauchende Alt-URL bekommt eine Weiterleitung nachgereicht.
- Leistung → Suchergebnisse: Impressionen der Top-20-Seiten mit der Vorwoche vergleichen – Delle normal, Absturz einzelner Seiten = gezielt prüfen.
- Crawling-Statistiken: ein sprunghafter Anstieg der 404-Abrufe ist das früheste Warnsignal, noch bevor Rankings reagieren.
- Server-Logs oder Redirect-Plugin-Statistik: zeigen, welche alten URLs tatsächlich noch aufgerufen werden – dort lohnt Feinschliff zuerst.
Was ein Relaunch kostet
Zur Einordnung aus unserem Kosten-Ratgeber: Eine reine Designauffrischung liegt bei 800–2.500 Euro, ein Relaunch mit neuem Design auf bestehender Technik bei 2.500–6.000 Euro, ein vollständiger Neuaufbau bei 4.000–12.000 Euro. Das SEO-Sicherheitsnetz – Inventur, Mapping, Nachsorge – macht davon typischerweise 10 bis 15 Prozent aus. Es ist der Teil des Budgets mit der höchsten Versicherungswirkung.
Häufige Fragen
Verliere ich bei einem Relaunch zwangsläufig Rankings?
Nein. Kurzfristige Schwankungen von zwei bis sechs Wochen sind normal, weil Google die neue Struktur neu bewertet. Dauerhafte Verluste entstehen fast immer durch handwerkliche Fehler – fehlende Weiterleitungen, gelöschte Inhalte, blockierte Indexierung – und genau die sind vermeidbar.
Wie lange müssen 301-Weiterleitungen aktiv bleiben?
Mindestens ein Jahr, empfohlen dauerhaft. Externe Links auf alte URLs verschwinden nie vollständig, und jede aktive Weiterleitung reicht deren Wirkung weiter. Es gibt keinen technischen Grund, funktionierende Weiterleitungen abzuschalten.
Sollte ich beim Relaunch die Domain wechseln?
Nur mit triftigem Grund (Umfirmierung, Markenwechsel). Ein Domainwechsel multipliziert das Risiko, weil zusätzlich zur Struktur auch das Vertrauen in die Domain neu aufgebaut wird. Wenn er sein muss: gleiches Verfahren, doppelte Sorgfalt, plus Adressänderung in der Search Console.
Kann ich Design und Struktur getrennt relaunchen?
Ja, und oft ist das klug: Erst das Design auf bestehender Struktur erneuern, später die Struktur gezielt umbauen – oder umgekehrt. Jede Änderung einzeln ist besser messbar und im Fehlerfall leichter zurückzudrehen.
Woran erkenne ich, dass der Relaunch schiefgelaufen ist?
An drei Signalen in der Search Console: sprunghaft steigende 404-Fehler, sinkende indexierte Seiten und fallende Impressionen über mehr als vier Wochen. Wer täglich schaut, kann fast alles reparieren – wer nach drei Monaten zum ersten Mal schaut, meist nicht mehr vollständig.
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